Politik & Gesellschaft

Chancen und Perspektiven der Beruflichen Bildung

Auf dem Sprung zum digitalen Zeitalter und am Wendepunkt zur vierten industriellen Revolution befinden wir uns auch an einer entscheidenden Wegmarke, was unsere gesellschaftlichen und individuellen Vorstellungen von Bildung betreffen. Höchstes Ziel kann es dabei nicht sein, bestimmte Studierendenquoten zu erzielen oder bei PISA möglichst gut abzuschneiden. Gute Bildungspolitik sollte stattdessen zur Aufgabe haben, Menschen an jeder Station ihres Lebensweges durch Qualifikation zum Handeln zu befähigen. Auf direktestem Wege eröffnet berufliche Bildung ihren Absolventen diesen praktischen Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe.

Schwieriger Start trotz guter Grundlagen

Als die Bundeskanzlerin im Jahr 2008 als Reaktion auf den zweiten Nationalen Bildungsbericht die „Bildungsrepublik“ ausrief, ging es um nicht mehr und nicht weniger als die Zukunftschancen einer ganzen Generation. Besonders die Zahl derer, die allgemeinbildende Schulen ohne jeglichen Abschluss verließen, war dramatisch. Bundesweit rund acht Prozent der Schülerinnen und Schüler verließen die Schule ohne ein Fundament für ihren späteren Lebensweg. Ähnlich dramatisch sah es bei der Zahl der jungen Menschen zwischen 20 und 29 Jahren aus, welche nicht über einen Berufsabschluss verfügten. Deren Quote lag bei alarmierenden 17 Prozent. Trotz dieser Zahlen gelang es der deutschen Gesellschaft, ihre Jugendarbeitslosigkeit - anders als in fast allen europäischen Partnerstaaten - auf einem niedrigen Niveau von rund acht Prozent zu halten und nach dem Abklingen der europäischen Finanz- und Wirtschaftskrise analog zur generellen Arbeitslosenzahl weiter zu senken.

Worin liegt diese besondere Stärke der deutschen Gesellschaft zur Integration junger Menschen in Arbeit? Ganz eindeutig in einer gewachsenen Bildungskultur, die 2008 nicht neu erfunden, sondern nur mit zeitgemäßen Instrumenten und einem Umsteuern in Politik und Wirtschaft aber auch in den Bildungseinrichtungen selbst, neuen Schwung bekommen musste. Zu dieser Bildungskultur gehört natürlich die klassische akademische Bildung, zu der noch vor Jahrzehnten nur ein geringer Teil der Schulabgänger Zugang hatte, während sie heute einer wachsenden Zahl junger Menschen offensteht. Daneben prägte und prägt jedoch vor allem die berufliche Bildung in verschiedenen Ausformungen die Bildungskarrieren vieler Menschen und bildete jahrzehntelang die Grundlage für eine leistungsfähige, innovative und qualitativ auf höchstem Niveau arbeitende Wirtschaft in diesem Land.

Mit dem Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD aus dem Jahr 2013 wurde diese besondere Rolle der beruflichen Bildung erneut und mit Vehemenz bekräftigt. Der Passus „Die berufliche Bildung in Deutschland ist ein Erfolgsmodell und bietet vielen Menschen eine hervorragende Qualifizierung und damit einhergehende positive Karriere- und Lebenschancen. Sie leistet einen wichtigen Beitrag zur Sicherung unseres künftigen Fachkräftebedarfs und Wohlstands. Die Koalition wird einen Schwerpunkt auf die Stärkung der beruflichen Bildung legen“ ist für uns als Parlamentarier und für mich als Berichterstatter meiner Fraktion für die berufliche Bildung jedoch nicht nur ein Lippenbekenntnis, sondern Verpflichtung zur langfristigen Chancengewährung für jede nachfolgende Generation.

Gegen den Trend

Wer sich für eine Berufsausbildung entscheidet, investiert in seine Zukunft, denn die Entwicklungen der letzten Jahre zeigen, dass die Nachfrage nach gut und praktisch ausgebildetem Fachpersonal steigen wird. Warum ist das so?

Jeder neue Berufsbildungsbericht und jede neue OECD-Studie führt uns vor Augen, von welchen Seiten der beruflichen Bildung die größten Schwierigkeiten drohen:

1. von Seiten des demografischen Wandels, der sie ihrer „natürlichen“ Klientel beraubt. Sowohl in den Alten, als auch - und hier verstärkt - in den Neuen Bundesländern fehlt es an Nachwuchs aus den Schulen, die zur Mittleren Reife führen, mehr aber noch an Nachwuchs aus den Hauptschulen, wenn es diese überhaupt noch gibt. Die Geburtenschwäche der der frühen 90er Jahre schlägt heute voll auf das schulische, duale und schulberufliche System durch.

2. von Seiten des Trends zur Akademisierung und zur höheren Bildung generell. Waren noch in den 80ern und 90ern die Haupt- und Mittelschulen der normale schulische Weg, erfolgte spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends eine Konzentration auf das Gymnasium und eine verstärkte Hinwendung zum Studium als Königsweg der Bildungskarriere. Die maßgeblich von der OECD angetriebene und gesellschaftlich ventilierte Debatte um eine zu geringe Akademikerquote in Deutschland, die sich auch noch in den Zielen des Dresdener Bildungsgipfels von 2008 widerspiegelte, führte bereits im Jahr 2013 dazu, dass die Zahl der Erstsemester in Deutschland die Zahl der Einsteiger in eine duale Ausbildung überstieg. Dieser Sog an die Hochschulen hält weiter fast unvermindert an und heizt die Mangelsituation im beruflichen Bereich noch weiter an.

3. von Seiten der unterschiedlichen wirtschaftlich-strukturellen Entwicklung in Deutschland. Nicht erst die deutsche Einheit und die im Grundgesetz verankerte Aufgabe der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse weisen darauf hin, dass es teils gravierende Unterschiede in der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, den Lebenshaltungskosten aber auch den sozialen, kulturellen und beruflichen Angeboten zwischen den verschiedenen Regionen in Deutschland gibt. Ländlich geprägten oder strukturschwachen Regionen stehen solche mit historisch gewachsenen starken Firmenstrukturen gegenüber. Beide sind auf ihre Weise lebenswert, bieten jedoch auch verschiedene Perspektiven für Berufswahl und Karrieremöglichkeiten sowie in der schieren Zahl bereitstehender Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse. Hier kommt es immer häufiger zu Disparitäten zwischen Ausbildungsangebot- und Nachfrage und somit zu mehr frei bleibenden Ausbildungsplätzen, Nachwuchsproblemen und im schlimmsten Fall zur Schließung von Betrieben, was den Auswahlspielraum weiter vermindert.

4. von Seiten der Berufspräferenzen und der Ausbildungsbefähigung Jugendlicher sowie der Ausbildungsneigung von Betrieben. Unter dem Wort „Mismatch“ begegnet uns immer wieder das Problem, dass viele Schulabgänger entweder eine sehr begrenzte Vorstellung von potenziellen Ausbildungsgängen haben und sich daher auf eine Top-Ten-Liste festlegen oder für ihre Wunschberufe zu geringe schulische Qualifikationen mitbringen. Gerade Klein- und Kleinstfirmen haben daher Mühe, Ausbildungsstellen vorzuhalten und ziehen sich zunehmend aus der Ausbildung zurück. Damit sinkt auf der anderen Seite die Quote ausbildender Betriebe in den letzten Jahren immer weiter, wodurch das Angebot an Ausbildungsplätzen weiter abnimmt und die Bandbreite zur Auswahl stehender Berufe schmaler wird.

Doch gerade wegen der abnehmenden Tendenz zur Ergreifung einer Berufsausbildung stehen seit kürzerer Zeit rechnerisch mehr freie Ausbildungsplätze als Bewerber zur Verfügung, wie erst jüngst der Ausbildungsmarktbericht 2015 der Bundesagentur für Arbeit verdeutlicht hat.[1] Die Chancen auf eine Übernahme nach der Ausbildung sind damit enorm gestiegen, ähnlich wie auch die Möglichkeiten für junge Menschen, sich während ihrer Ausbildungszeit umzuorientieren oder möglicherweise negative Ausbildungsbedingungen mit einem Wechsel des Ausbildungsplatzes zu quittieren. Wer seine Ausbildung mit guten Ergebnissen abschließt, hat - und das ist ein selten beachteter Vorteil gegenüber der akademischen Bildung - einen direkten Zugang und Einstieg in den Arbeitsmarkt. Er hat die Theorie bereits in die Praxis umgesetzt, er kennt die Besonderheiten seiner Werkstoffe, seiner Instrumente, seines Marktes und seiner Kunden.

Diese Vorteile herauszukehren, ist Aufgabe kluger und weitsichtiger Bildungspolitik aller Ebenen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite ist es aber auch Aufgabe kluger und weitsichtiger Personalplanung in den Betrieben und vor allem kluger und weitsichtiger Lebenswegeplanung in Familien und Elternhäusern. Die Instrumente dazu haben wir von Seiten des Bundes spätestens in dieser Legislaturperiode geschaffen. Hervorzuheben ist vor allem eine verbesserte Berufs- und Studienorientierung schon in der Schulzeit. In mehreren Anträgen haben die Koalitionsfraktionen das Fundament gelegt, Berufsorientierung an allen Schulformen anzusiedeln, auch an Gymnasien, deren Absolventen eben nicht, wie allgemein angenommen, für ein Studium prädestiniert sind, sondern ebenfalls hervorragende Karrieren in der beruflichen Bildung einschlagen können. Die zugehörige Richtlinie zur Förderung von Berufsorientierungsprogrammen an Gymnasien wurde bereits im November 2014 geändert. Der Bund befindet sich aktuell in Verhandlungen mit allen Bundesländern, um die unterschiedlichen Förderangebote am Übergang von der Schule zu Beruf oder Studium zu verzahnen und Gesamtkonzepte des jeweiligen Landes für diesen Bereich zu unterstützen. Ein weiterer sinnvoller Schritt, den ich persönlich zur Umsetzung bringen möchte, ist die generelle Anrechnung der Abiturzeit auf die Dauer der Ausbildung, um jungen Menschen Lebenszeit zu schenken und mehr Abiturienten zu zeigen, dass eine Ausbildung eine wirkliche Perspektive ist.

Wer bereits während seiner Schulzeit erfahrend erkundet, welche Tätigkeitsbereiche ihm liegen, steht am Ende seiner schulischen Ausbildung nicht unwissend und orientierungslos vor der überwältigenden Vielzahl von Berufsausbildungen und den circa 18.000 Bachelor-Angeboten, sondern kennt die Berufe und Studiengänge, die ihm liegen und im günstigsten Fall auch die Aufstiegsmöglichkeiten im Meister‑, Techniker- und Fachwirtbereich. Mit dieser klaren Perspektive sind Ausbildungsabbrüche, Versagenserfahrungen, Orientierungslosigkeit und im schlechtesten Fall ein Abgleiten in Arbeitslosigkeit weit weniger wahrscheinlich. Ein gelingendes Leben durch berufliche Bildung ist für jeden und jede möglich und aufgrund der oben beschriebenen Trends immer greifbarer.

Chancen für jede Lebenslage, Perspektiven für alle

Der aktuelle Bericht der OECD „Bildung auf einen Blick 2015“[2] hebt erneut hervor, dass Deutschland mit einer Quote von knapp 90 % von Absolventen einer höheren sekundären Bildung oder darüber mit weitem Abstand an der Spitze steht. Ob mit Hauptschulabschluss oder Abitur, berufliche Bildung ist für alle da, wirkt integrativ und eröffnet jedem einen eigenen Weg in ein erfolgreiches Leben. Auch ohne Schulabschluss oder als „Spätstarter“ bieten die duale Bildung, die schulberufliche Bildung oder das vielgescholtene Übergangssystem eine zweite oder auch dritte Chance, um durch Bildung Fuß zu fassen, Abschlüsse nachzuholen, Brüche in der Biografie zu überwinden. Menschen, die über lange Jahre Erfahrung in der Praxis gesammelt haben, eröffnen wir mit dem Bundesprogramm „AusBILDUNG wird was - Spätstarter gesucht“ eine Einstieg zu anerkannten Abschlüssen und entwickeln Möglichkeiten, praktisch erworbene Kenntnisse mit ausbildungsverkürzender Wirkung anzuerkennen. Mit der assistierten Ausbildung, ausbildungsbegleitenden Hilfen, berufsvorbereitenden Maßnahmen und vielen weiteren Unterstützungsangeboten steht der Bund in Kooperation mit den Ländern jungen Menschen in schwierigen Lebensphasen aber auch Ausbildungsbetrieben zur Seite.

Doch nicht nur den Schwächeren helfen wir, sondern auch den Besten. Mit dem im November verabschiedeten Haushalt hat die Koalition unter Federführung der CDU/CSU die Leistungen in der Aufstiegsfortbildung für Meister, Techniker und Fachwirte finanziell unterfüttert, um bereits Anfang kommenden Jahres eine substanzielle Verbesserung gesetzlich festzuschreiben. Die besonderen Leistungen derjenigen, die sich beruflich weiterentwickeln, Verantwortung im mittleren Management oder in der Führung eines Betriebes wahrnehmen, sollen damit besser als bisher gefördert werden. Insbesondere lagen uns dabei die Zuschüsse zu den Unterhaltsleistungen sowie die Aufstockung des Belohnungserlasses und die Erhöhung der Zuschüsse zu Maßnahmen- und Prüfungskosten am Herzen. Mit einer Steigerung von rund 100 Millionen Euro über die kommenden vier Jahre haben wir ein klares Zeichen gesetzt, dass die Perspektiven, die eine berufliche Bildung bietet, für uns ein Wert an sich sind.

Wenn Deutschland auch weiterhin wirtschaftlich an der Spitze bleiben, gesellschaftliche Integration und Chancengerechtigkeit bieten und seine hervorragende Bildungskultur aufrechterhalten will, muss es unser aller Anliegen sein, berufliche Bildung als Chance für jeden auch gegen Widerstände zu verteidigen und ihre Perspektiven noch besser als bisher zu bewerben.

[1] siehe https://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Arbeitsmarktberichte/Monatsbericht-Arbeits-Ausbildungsmarkt-Deutschland/Monatsberichte/Generische-Publikationen/Monatsbericht-201510.pdf

[2] siehe www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm

Dr. Thomas Feist, MdB